Allgemein- und Kinderärzte klagen über sinkende Einnahmen seit der Honorarreform

VON KATJA SCHMIDT

Frankfurter Rundschau, 17.3.2009
 
Im fernen Berlin soll nach einer Lösung im Honorarstreit der Ärzte gesucht werden. Dazu treffen sich Spitzenfunktionäre der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). In Hessen war es lange recht ruhig zum Thema Honorarreform. Jetzt aber beginnen sich auch hier die niedergelassenen Mediziner lauter zu beklagen.

Theoretisch sollten Hessen zu den Gewinnern der Reform gehören. 2007 standen hier rund zwei Milliarden Euro für die Vergütung der niedergelassenen Kassenärzte und Psychotherapeuten zur Verfügung. 2009 müssten es nach Angaben der KBV 10,4 Prozent mehr sein - eine Steigerung über dem Durchschnitt der westlichen Bundesländer. Darüber, was tatsächlich bei einzelnen Praxen ankommt, sagt das aber wenig.

 
Stefan Pollmächers Stimmung etwa ist am Montag trüb wie das Wetter über Nordhessen. Der Arzt betreibt eine große Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin und Psychotherapie gegenüber dem Kasseler Hauptbahnhof. "Ich bin seit 16 Jahren hier und hatte nie Existenzängste", sagt der 49-Jährige. Jetzt aber wachsen die Sorgen. Die Praxis laufe gut. Aber nach dem, was ihm die Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen als Basishonorar angekündigt hat, erwartet Pollmächer stark sinkende Einnahmen. Nachdem Pollmächers Steuerberaterin die Mitteilung für das erste Quartal durchgerechnet hat, schickte sie ein Warnschreiben: Er müsse bedenken, dass "ohne Änderung Ihrer Situation ein weiterer Betrieb Ihrer Praxis nicht lange aufrecht erhalten werden kann". Pollmächer sagt, er könne aus der Versorgung der Kassenpatienten gerade die Praxiskosten decken. An Einkommen blieben ihm noch mehrere hundert Euro im Monat.

Theoretisch kann Pollmächer weitere Umsätze erwirtschaften. Er muss dafür genug Lungenfunktionsprüfungen, Belastungs-EKG oder Vorsorgeuntersuchungen erbringen. Aber noch sieht er nicht, dass damit genug Geld hereinbekommen könnte, um seine Verluste wettzumachen.

Besonders tückisches Detail für Pollmächer: Dass er mit seiner Zusatzqualifikation viele Berufstätige in Krisensituationen betreut, bringe ihm aktuell Nachteile. Um den vollen Fallwert eines Hausarztes zu bekommen, versorge er zu wenig Rentner, schildert er. Ob die KV jetzt noch wie früher die Besonderheiten seiner Praxis berücksichtigt, werde gerade neu geprüft.

Ein paar Kilometer weiter im Osten von Kassel ärgert sich Alfons Fleer über immer neue Drehungen an den Stellschrauben der Ärztehonorierung. Der Kinderarzt hat Anfang März einen Brief aus Frankfurt bekommen, in dem die KV sein Honorar von Januar bis März hochgerechnet hat. Darin steht, er werde knapp 4600 Euro weniger einnehmen als ein Jahr zuvor: "Prozentuale Veränderung: minus 6,8 Prozent", sagt er.

Fleer ist auch Vorsitzender einer Genossenschaft, die einen speziellen Kinder-Notdienst anbietet. Vorschrift ist das nicht. Das Angebot werde aber von 24 000 Patienten jährlich wahrgenommen, sagt der Arzt. In diesem Quartal sänken die Einnahmen um rund ein Drittel. Damit sei der Notdienst bedroht. Fleer: "Es tut mir leid, aber wenn das nicht ordentlich honoriert wird, kann man nicht erwarten, dass wir mehr machen als unbedingt notwendig."

Bei der KV betont Sprecher Karl Roth, die Mitteilungen über das Basishonorar bildeten nicht die vollen Einnahmen ab. Die Ärzte verstünden das noch zu wenig. Sowohl für den fachärztlichen als auch für den hausärztlichen Bereich gebe es mehr Geld. "Das heißt aber nicht, dass sich das gleichmäßig auf alle verteilt", sagt Roth. "Es kann auch Verlierer geben." Die Endabrechnung für das ganze Jahr wird erst im April 2010 vorliegen.