Vernetzung hat viele Vorteile

DOXS bringen Software-Anbieter
an einen Tisch

Erstmals zumindest in Deutschland sollen rund 1.000 niedergelassene Ärzte und Kliniken elektronisch vernetzt werden, um einen schnellen sicheren Austausch von Untersuchungsergebnissen und damit eine kostengünstigere und bessere Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Das ist eine der zahlreichen Ideen, welche die DOXS eG und das Regionalmanagement Nordhessen GmbH im Rahmen des Wettbewerbs „Nordhessen: Zukunftslabor Gesundheit“ skizziert haben und die jetzt weiterentwickelt und konkretisiert werden. So ist es der Arbeitsgruppe Vernetzung der DOXS eG unter Federführung von Dr. Stefan Pollmächer, Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapie in Kassel, und Gerhard Bleckmann, Kinderarzt in Baunatal, gelungen, die beiden marktführenden Praxissoftware-Anbieter an einen Tisch zu bringen: Erstmals in Deutschland wollen die Medatixx Medizinische Informationssysteme GmbH & Co. KG und die Compu-Group Holding-AG es für DOXS-Mitglieder ermöglichen, dass die jeweiligen Nutzer systemübergreifend Daten austauschen können. Die AG Vernetzung hat erreicht, dass 50 Praxen je Gruppe die erforderliche Vernetzungssoftware kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, um sie zu testen. DOXS intern sprach mit Dr. Pollmächer über das Projekt.

DOXS intern: Herr Dr. Pollmächer, DOXS-Mitglieder sollen vernetzt werden – warum?

Dr. Pollmächer: Die Situation für die freiberuflichen niedergelassenen Ärzte wird immer schwieriger. Sie müssen sich gegen Medizinische Versorgungszentren und Ambulanzen, die an Krankenhäuser angegliedert sind, behaupten, deren Befürworter die gute Vernetzung dieser Zentren ins Feld führen: Da wird zum Beispiel argumentiert, die MVZ seien effektiver, weil Befunde schneller weitergegeben werden können. Dieses Argument können die niedergelassenen Ärzte durch eine eigene Vernetzung entkräften. Meine Vorstellung ist, der Politik eine virtuelle medizinische Versorgungsregion zu präsentieren die noch deutlich über die Möglichkeiten einzelner MVZ hinausgeht, weil die Befundweitergabe und die diagnostische Kommunikation sofort an alle beteiligten Kollegen erfolgen kann.

DOXS intern: Also bringt die Vernetzung konkrete Vorteile für die niedergelassenen Ärzte?

Dr. Pollmächer: Ja, denn sie erleichtert die Arbeit, spart Kosten, steigert die Effizienz. Auch ist sie für die Vertragsabwicklung von Selektivverträgen erforderlich. Es müssen natürlich bestimmte Kriterien erfüllt werden: Wichtig ist zum Beispiel, dass die Software einfach zu handhaben ist.

DOXS intern: Selbst wenn das so ist: Werden nicht dennoch die Praxisabläufe behindert?
Dr. Pollmächer: Nun, für diejenigen, die noch nicht mit Rechnern arbeiten, sondern eher mit Karteikarten, bedeutet es natürlich eine Umstellung. Wer sich vernetzen will, muss konsequent alle Befunde einscannen – was je entfällt, wenn die Vernetzung erst einmal steht. Aber noch kommen viele Befunde papiergebunden oder als telefonische Mitteilung. Es erfordert eine größere Disziplin, Arzthelferinnen, die mit der Technik umgehen können – und Chefs, die sie dabei unterstützen. Doch letztlich ist es eine große Erleichterung. Ein Beispiel: Ein Patient kommt mit Rückenschmerzen, ich schreibe eine Überweisung zum Orthopäden. Der Patient geht hin, der Orthopäde öffnet am PC die entsprechende Akte, sieht dort bereits meine Vorbefunde des Patienten, tippt nach der Konsultation den Befund ein, schließt die Akte wieder. Dann ruft der Rechner des Orthopäden meinen Rechner an, schiebt den Befund selbstständig in meinen Rechner – und zwar einmal in eine Liste und einmal direkt in die jeweilige Patientenakte. Wenn der Patient dann wiederkommt und ich seine Akte öffne, sehe ich automatisch den Befund des Orthopäden. Und ich habe die Liste, auf der ich morgens, wenn ich den PC anschalte, die aktuell eingegangenen Befunde finde.

DOXS intern: Wie ist das Problem mit der Datensicherheit gelöst?

Dr. Pollmächer: Um beim Beispiel zu bleiben: Der Orthopäde sieht die anderen Befunde meines Patienten nicht automatisch – er sieht nur das, was ich freigebe. Denn das allerwichtigste ist, dass der jeweilige Arzt für und im Sinne seines Patienten die Datenhoheit behält und dass keine Daten auf irgendwelchen Rechnern gespeichert werden – wie das beispielsweise bei der geplanten E-Card sein soll.

DOXS intern: Wie funktioniert das technisch?

Dr. Pollmächer: Es gibt zwei große Welten in den Praxissoftware-Szene, die jeweils etwa 40 Prozent der Marktanteile halten. Da ist einmal die so genannte Medatixx-Gruppe und die Compu-Group. Die beiden Unternehmen stellen mehrere unterschiedliche Arten Software her. Innerhalb der Gruppen gibt es eine gewisse Kompatibilität, wer zum Beispiel doc-expert von Medatixx hat, kann sich mit jemandem, der MCS hat, verständigen. Und wer das System M1 der Compu-Group hat, kann sich mit Medistar verständigen, obwohl das zwei verschiedene Programme sind. Die Medatixx-Gruppe bietet mit Comdox eine so genannte Peer-to-Peer-Verbindung an, das heißt, die Daten gehen – per gesicherter ISDN-Leitung, nicht per Internet – von Punkt zu Punkt, also von Rechner zu Rechner. Einen Zentralserver gibt es hierbei nicht, die Daten bleiben in der Praxis. Es werden nur Daten zwischen den Ärzten getauscht, die auch wirklich an der Behandlung beteiligt sind. Die Ärzte und Patienten bestimmen selbst, was sie wann wem an Daten freigeben und was nicht. Das Netzbüro verwaltet die Einverständniserklärungen der Patienten und nimmt Bürokratie ab. Die Compu-Group bietet mit Cordoba eine Vernetzung über das Internet an. Bei dieser Technik werden die Patientendaten normalerweise auf einem Datenserver eine Zeitlang zwischengespeichert, bis sie abgerufen werden.

DOXS intern: Und Sie haben nun diese beiden Anbieter an einen Tisch gebracht?

Dr. Pollmächer: Ja, im Laufe dieses Jahres soll es erstmals in Deutschland ermöglicht werden, die Daten zwischen der Medatixx-Gruppe und der Compu-Group auszutauschen. Außerdem haben wir erreicht, dass 50 DOXS-Praxen je Gruppe die erforderliche Vernetzungssoftware kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, um sie zu testen. Es sind noch Plätze frei. Wer sich beteiligen möchte, kann sich gerne an uns wenden. Wenn wir in die Förderung des Ministeriums für Bildung und Forschung im Rahmen der Gesundheitsregion der Zukunft kommen, sind wir in der Lage die Genossenschaft komplett zu vernetzen und ein Netzbüro zur Betreuung der Praxen einzurichten.

DOXS intern: Herr Dr. Pollmächer, wir danken für das Gespräch.


Interview: Gundula Zeitz